Am 15. August 2026 ging es am Kasererboden eigentlich nur um eine Sache: Das alte Kasermandl hatte seinen Baum verloren, denn der morsche Stamm war gebrochen. Also wurde mit Schaufel, Spitzhacke und vereinten Kräften ein von Luis Kranebitter vor allem für Kinder neu entworfener Kletterbaum aufgestellt.
Luis zusammen mit den Bergwächtern Josef und Erika, Michael, Matthias, Petra und Jannis machten sich ans Werk und bald stand das Kasermandl wieder an seinem Platz.
Doch gerade als die Arbeit getan war, hörten sie plötzlich einen Ruf aus dem Wald:
„Haaallooo!“ klang es zwischen den Fichten herab. Man hielt inne und rief ebenfalls „Haaallooo!“
Kurz darauf folgte die Frage: „Ist das ein Echo?“ und man erwiderte mit „Echo, Echo, Echo…“
Zwischen den Fichten bewegte sich etwas, und für einen kurzen Augenblick war nicht klar, wer oder was dort aus dem Wald treten würde.
Vielleicht waren es ja Wichtlein, denn in Inzing erzählt man sich seit jeher von diesen kleinen Wesen, die einst in den Ställen lebten, das Vieh beschützten und den Bauern halfen, sich aber ebenso gerne mit Gesang und allerlei Schabernack bemerkbar machten. Vielleicht hatten sie bemerkt, dass das Kasermandl nach seinem Sturz einen neuen Platz bekommen hatte.
Dann trat tatsächlich jemand zwischen den Bäumen hervor.
Kein Wichtel, kein Geist, sondern Mathias Gstrein aka Mat Weix mit Gitarre und einer Palette auf dem Rücken, als wäre er geradewegs aus einer anderen Zeit in die Szenerie getreten. Sein Erscheinen war nicht weniger überraschend als die geheimnisvolle Stimme aus dem Walde. Er hatte nicht nur Musik mitgebracht, sondern auch einen Zirbenschnaps, sorgsam in eine, wie er betonte, ungelesene Zeitungsseite gewickelt.
Wenig später erklangen zwischen den Fichten Lieder, die von der Sehnsucht nach Echtheit, Träumen und kindlicher Weisheit erzählten.
Vielleicht lauschte auch das Kasermandl irgendwo zwischen den Bäumen, denn der Kasererboden ist ohnehin ein Ort, an dem sich Wirklichkeit und Sage erstaunlich nahekommen. Das Kasermandl selbst gilt als ein unheimliches Wesen, das in der Martinnacht mit seiner geisterhaften Herde die verendeten Tiere der Alm zusammentreibt und als Totenheer ins Tal zieht.
An diesem Nachmittag zeigte es sich jedoch offenbar von seiner freundlicheren Seite. Vielleicht war es zufrieden mit seinem neuen Baum. Vielleicht lauschte es der Musik, oder vielleicht saß es längst mitten unter uns in der Runde.
Eines hat der Kasererboden am Samstag jedenfalls eindrucksvoll bewiesen: Inzing braucht keine neuen Sagen, man muss nur die alten richtig weitererzählen.
Und hört man plötzlich ein: „Haaallooo!“
Dann weiß man, des Kasermandl isch wieder do.









